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Fahrkurs für Asylbewerber

Anfang September hat Pro Velo Emmental zum ersten Mal einen Fahrkurs für Asylbewerber angeboten. Zustande gekommen ist der Kurs nach einer Anfrage von Herrn Rasul Khoshnaw, Zentrumsleiter der Notunterkunft Lindenfeld
in Burgdorf.

Der Kurs war für uns eine besondere, teilweise überraschende Herausforderung. Unsere Erfahrungen mit den seit vielen Jahren durchgeführten Kursen für Kinder mit Migrantenfahrkursen waren bedingt nützlich. An den Migrantenkursen, insbesondere für Frauen, konnten die meisten TeilnehmerInnen überhaupt noch nicht Velo fahren. Alle Teilnehmer des des Kurses für Asylanten konnten dagegen bereits sehr gut fahren. Allerdings kannten sie, wenn überhaupt, nur die Regeln ihrer Heimatländer: Eritrea, Syrien, Tibet, Afghanistan. Unsere Verkehrs-Mentalität ist den meisten nach einigen Wochen oder Monaten Aufenthalt in der Schweiz noch fremd.

Insgesamt haben wir Kursleiter den Kurs positiv erlebt und glauben, dass er den Teilnehmern etwas genützt hat. Einigen speziellen Problemen standen wir allerdings gegenüber: Um 17 Uhr sollte die Theorie beginnen. Die ersten Teilnehmer kamen erst gegen 17:20 Uhr, gefüllt war der Kursraum eine weitere halbe Stunde später. Und die Sprache: Uns war versichert worden, dass alle Teilnehmer gut Deutsch verstehen. Irrtum. Kaum jemand konnte
ein Wort, also mussten die Theorie die Erklärungen auf dem Parcours spontan auf English laufen.

Nächstes Problem: Zwar hat jeder der Teilnehmer normalerweise ein Velo zur Verfügung, aber als es losgehen sollte dann doch nicht: da war eben gerade ein Velo an einen Freund verliehen.

Die Ausfahrt ist sehr gut verlaufen. Alle Teilnehmer fuhren sicher und hielten sich genau an unsere Erklärungen und Demonstrationen. Wir hatten nur den Eindruck, dass manche die Regeln nicht sehr ernst nehmen. Daher
befürchten wir, dass sich das Verhalten auf der Strasse nicht bei jedem Teilnehmer nachhaltig verbessert hat. So hat einer unserer Kursleiter Teilnehmer nach dem Kurs zufällig beobachtet: „Bei rot über die Kreuzung, weiter auf dem Trottoir, bei rot über den Fussgängerstreifen. Hier wäre vor allem von den Betreuenden noch ein grosser Handlungsbedarf – ein korrektes Verhalten würde wohl auch die Akzeptanz erhöhen!“ Also: nicht alles perfekt in diesem ersten Kurs, aber insgesamt ein positives Erlebnis. In Zukunft würden wir in der Theorie und in Gesprächen noch deutlicher darauf hinweisen, warum es auf Schweizer Strassen wichtig ist, sich an einige Regeln zu halten. Ausserdem brauchen wir stärkere Unterstützung durch Vertrauenspersonen der Asylbewerber. Diese sollten gegenüber den Teilnehmern unsere Aussagen bekräftigen. Wir hoffen, weitere Kurse für Asylbewerber anbieten zu können. Nicht nur, um etwas zu deren Sicherheit im Verkehr beizutragen, sondern auch als einen Beitrag zur Integration.

Ralf Longwitz, Vorstand Pro Velo Emmental, Burgdorf